Allgemeine Hochschulreife/ Abitur: Kieler Wirtschaftsgymnasium

Von der Schulbank auf den Chefsessel

Endlich sind sie da. Nach mehreren Wochen ist das Containerschiff mit der lang ersehnten Ware im Hamburger Hafen eingetroffen. Gespannt öffnet Raoul Plickat die Kartons: 700 Tank Tops seiner ersten eigenen Sportkollektion. Als Limited Edition werden sie jetzt über seine Website www.standupliftup.com, auf der sich alles um das Thema Fitness und Kraftsport dreht, verkauft. Den Weg dorthin hat der 20-jährige Schüler beharrlich verfolgt. Nach zwei Praktika in Dubai hatte er bereits vor vier Jahren sein Ziel klar vor Augen: „Ich wollte meine eigene Firma gründen, ich wusste nur noch nicht wie und wann“, berichtet der Jungunternehmer. Um schon früh den Grundstein für seine Vorhaben zu legen, wechselte er im Spätsommer 2012 vom Helene-Lange-Gymnasium in Rendsburg in den ersten Jahrgang des Kieler Wirtschaftsgymnasiums der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein in der Wik. Dort stehen seitdem unter anderem Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Rechnungswesen auf seinem Stundenplan. In der regelmäßigen Vortragsreihe „Expertenwissen live“ des Wirtschaftsgymnasiums gibt es zudem Inspiration von echten Fachleuten: Unternehmerpersönlichkeiten aus der Region geben hier ihre Erfahrungen und ihr Know-how an Raoul und seine Mitschüler weiter.

Im November des gleichen Jahres kam dem sportbegeisterten Bredenbeker die zündende Idee für die Marke „Stand Up – Lift Up“ mit der gleichnamigen Website. Der Name wurde nicht nur bewusst auf Englisch gewählt, um so weltweit Fitnessanhänger zu erreichen, er spiegelt auch die Philosophie der Seite wieder, welche sich vor allem an körperbewusste junge Menschen richtet. Hier werden Kraftsportler und Kraftsportlerinnen vorgestellt, die schwere Schicksalsschläge erfuhren, sich jedoch mit Erfolg in das Leben zurückgekämpften und es jetzt als Vorbilder im Fitnessbereich zu Anerkennung gebracht haben. Daher berichten sie nicht nur von ihren individuellen Trainingsplänen und Essgewohnheiten, sondern auch über ihr Durchhaltevermögen, ihre Motivation und ihre Träume, die sie trotz ihrer Rückschläge erreicht haben. „Mit Menschen, die Rückschläge erlitten haben, identifiziert man sich leichter. Niemand wird als Vorbild geboren. Man erarbeitet es sich, indem man seinen eigenen Weg beschreitet. Das macht die Marke erlebbar und zu dem was sie ist“, erläutert Plickat sein Konzept.

Seit der Firmengründung im April vergangenen Jahres hat der Gymnasiast viel Zeit und Energie in sein Projekt investiert. Zwei erfahrene Mentoren unterstützen ihn dabei bei Fragen rund um die künftige Ausrichtung der Marke sowie bei den technischen Details der Internetseite. Der Erfolg gibt Plickat Recht: Mehr als 20.000 Besucher hat seine Website inzwischen jeden Monat. Der Aufbau einer Nutzercommunity war für Plickat nur der erste Schritt, im zweiten bringt er nun eine eigene Modekollektion für Fitnesskleidung heraus. Dazu hat er sich eigenständig Wissen über die Bekleidungsindustrie angeeignet und Kontakte nach China aufgebaut. Dort fand er schließlich eine Firma, welche die Bekleidung nach seinen Qualitätsanforderungen produziert: „Mir war wichtig, dass dort keine Kinder für mich arbeiten und dass keine giftigen Stoffe in meine Kleidung kommt. Beides wurde erfüllt.“

Die erste Stücke der Kollektion sind Tank Tops, auf deren Vorderseite spiegelverkehrt Motivationssprüche aufgedruckt sind. Was auf den ersten Blick nach einem Fehldruck aussieht, richtet sich explizit an Sportler im Fitnessstudio. In den verspiegelten Sälen können sie die Botschaft auf dem eigenen T-Shirts selbst lesen und werden so zu Höchstleistungen angetrieben. Aber nicht nur das Design hebt sich von anderen Anbietern ab: „Wir haben auch einen eigenen Stoff entwickelt, der am besten den Anforderungen beim Fitnesstraining entspricht“, berichtet Plickat.

Nach den vielen Arbeitsstunden, die er bereits in das Unternehmen gesteckt hat, freut er sich jetzt über den Startschuss zur Vermarktung der Kollektion. Der 20-jährige will trotz seines, nicht nur in der Kunstszene prominenten Vaters, dem Bildhauer Jörg Plickat, seinen eigenen Weg gehen. Für die nächsten 24 Monate hat Raoul Plickat sich viel vorgenommen: Er möchte am Wirtschaftsgymnasium zunächst das Abitur machen und mit der Firma durchstarten. Dazu will der Jungunternehmer die Marke weltweit bekannter machen und seine Sportkollektion erweitern. Daneben möchte er noch seine weiteren Projekte und Unternehmensideen realisieren - wie zum Beispiel eine Reise nach China und eine mögliche Tätigkeit als Markenberater für den Mittelstand.

Update (Mai 2015): Von Bredenbek nach San Francisco

Gerade hat Raoul Plickat den Gang zum Notar erfolgreich zurückgelegt und damit sein zweites Unternehmen gegründet. Der derzeitige Schüler des Kieler Wirtschaftsgymnasiums (KWG) der Wirtschaftsakademie führt verglichen mit seinen Altersgenossen ein ungewöhnliches Leben: Der 21-jährige sprüht vor Ideen und scheut sich nicht vor deren Umsetzung. Anfang Juni ist er auf eine Konferenz für junge Gründer nach San Francisco eingeladen, wo er einen der Mitbegründer von Paypal treffen wird. Eine Woche davor steht ein Gedankenaustausch mit einem Investor in Dubai auf dem Programm. Bereits 2013 entwickelte Plickat eine eigene Sportkollektion. Er ließ dafür T-Shirts in China produzieren und verkaufte sie in Deutschland. Jetzt setzt er bereits seine nächste Unternehmensidee um.

Der gebürtige Bredenbeker hat große Ziele und Träume und dafür arbeitet er schon einmal die Nächte durch. Sein Motto: „In 100 Jahren wird es niemanden mehr interessieren, was für ein Auto ich fuhr oder wie viel Geld ich auf der Bank hatte. Was interessiert, ist die Inspiration die man der Nachwelt hinterlässt. Ich möchte wissen, ob mein Potential bis in den Weltraum reicht, denn manche Menschen leben, ohne ihres auszuschöpfen“ – und das möchte der Jungunternehmer für sich selbst unbedingt vermeiden. Deshalb gründete er Wooya. Eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die sich Vertriebsprozessen im Internet widmet. Momentan besteht das Team von Wooya aus vier Mitarbeitern. Sie entwickeln automatisierte, auf das Benutzerverhalten abgestimmte Online-Vertriebslösungen und beraten ihre Kunden im gesamten Spektrum des Online-Marketings.

Auch die Einladung für den „Thiel Foundation Summit“ in San Franciso, einem Zusammentreffen junger Menschen mit kreativen Ideen, am 6. und 7. Juni, bestätigt Raoul Plickart darin, dass er einiges richtig zu machen scheint.

Ausgerichtet wird die Konferenz von der Stiftung des Investors Peter Thiel, Cogründer von Paypal, der damit die Sicherheit des elektronischen Zahlens im Internet revolutionierte, aber auch durch viele Internetinvestitionen wie beispielsweise in das soziale Netzwerk Facebook, das Wohnungsportal AirBnB und der Musikplattform Spotify bekannt wurde. Die Thiel-Stiftung setzt sich in erster Line für politische, persönliche und wirtschaftliche Freiheit ein, in dem sie Menschen unterstützt, neue Ideen umzusetzen, um das Zusammenleben der Menschheit zu verbessern. Am Gipfeltreffen darf nur teilnehmen, wer eingeladen ist. Raoul Plickart wird der einzige deutsche Teilnehmer in San Francisco sein. Das ist eine große Chance für den Jungunternehmer. Womöglich könnte er auch einen Kapitalgeber für zukünftige Projekte dort finden. Doch das ist momentan nicht sein Ziel, da Wooya sich von Anfang an selbstständig finanzierte.

Es liegt dem Gymnasiasten aber nicht nur der eigene Erfolg am Herzen. Er möchte sein Wissen und Erfahrungen weitergeben. Deshalb richtet er regelmäßige Gründertreffen in Kiel aus, wo er sich mit anderen austauscht und an seinen Erlebnissen teilhaben lässt.

Doch erst einmal stehen für Raoul Plickat die mündlichen Abiturprüfungen am KWG vor der Tür. Anfang des Jahres hat er bereits sein schriftliches Abitur geschrieben. „Januar und Februar waren krass. Ich habe die letzten zwei Wochen vor den Prüfungen Tag und Nacht gelernt.“ Wenn man ihn danach fragt, wie er das schafft, so sind wenig Schlaf und viel Disziplin die Antwort. Außerdem hat er sich selbst das Speedreading beigebracht, eine Form des besonders schnellen Lesens. Doch ein Unternehmen zu führen, Abitur zu machen und nebenbei noch ein Privatleben zu haben, ist nicht einfach. Auch seine Beziehung habe darunter gelitten, sodass sich seine Freundin von ihm trennte, gibt er offen zu. „Ich habe einfach zu viel gearbeitet. Das würde ich jetzt nicht mehr so machen. Ich habe daraus gelernt – aber ich bereue es nicht“, sagt Plickat.

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